Jede Woche trudeln im Bereich Marketing, Suchmaschinen, künstliche Intelligenz, Technologien und Co. unzählige Newsletter, Konferenz-Berichte und Plattform-Ankündigungen ein. Hier die Übersicht zu behalten, ist nicht gerade einfach. Aus diesem Grund ordnen die Diginauten jede Woche ein, was davon für uns Unternehmer und Selbstständige tatsächlich wichtig ist.
Diese Woche:
- Paid Social & Performance: Meta Algorithmus-Update: Creative schlägt Targeting · Last-Click Attribution verliert an Boden · Creator-Content als Performance-Kanal · Studie: Langzeit-Creator-Deals performen besser
- KI-News: Anthropic überholt OpenAI beim Umsatz · Claude Mythos: das geheime Top-Modell kommt · Claude Design bringt Prototypen per Prompt · Uber: 70 % KI-Code, fraglicher Mehrwert · Stanford: KI diskriminiert im Bewerbungsprozess · Demis Hassabis: AGI bis 2030
- Plattformen: LinkedIn Video-Feed expandiert nach Europa · Meta startet Reddit-Konkurrent „Forum“ · LinkedIn drosselt KI-Slop im Algorithmus · DuckDuckGo +33 % nach Google I/O
- Außerdem: Papst Leo XIV. schreibt 42.300 Wörter über KI · Praxis-Tipp: Google Gemini Omni
Creative ist der neue Targeting-Algorithmus
Letzte Woche fand in San Jose der Meta Performance Marketing Summit 2026 statt. Eine Konferenz, die wir bei den Diginauten aufmerksam verfolgen, weil Meta dort regelmäßig zeigt, wohin sich Paid Social entwickelt, und zwar ehrlicher als in den meisten Branchen-Publikationen.
Die Kernbotschaft 2026 war eindeutig: Das Creative, also das Anzeigenmotiv aus Bild oder Video und Text, macht 70 bis 80 Prozent der Performance auf Paid Social aus. Das Targeting und das Budget teilen sich die restlichen 20 bis 30 Prozent. Das war vor einigen Jahren noch komplett anders. Verantwortlich für die Verschiebung ist eine Komponente namens Andromeda.
Andromeda ist eine Schicht im Meta-Algorithmus. Sie entscheidet noch vor dem eigentlichen Ranking, welche Ads ein User überhaupt zu sehen bekommt. Dafür liest sie das Creative buchstäblich aus: Image-Pixel, Video-Visuals, Audio Cues, Text-Overlays. So versteht das Modell, für welchen User eine Ad passt. Das Creative übernimmt damit die Targeting-Arbeit. Wer generische Creatives hat, verliert Reichweite, selbst wenn das Audience-Setup sauber gebaut ist.
Dazu hat Meta den Rest des Algorithmus-Stacks offengelegt:
- GEM (Generative Ad Recommendation Model): Denkt in Sequenzen. Früher lautete Metas interne Frage: „Ist diese Ad relevant?“ Inzwischen heißt sie: „Ist das die richtige nächste Ad für diesen User, basierend auf allem, was er schon gesehen hat?“
- Lattice: Bringt mehrere Machine-Learning-Modelle zusammen und gibt ihnen Zugang zu mehr Daten. Das Q1-2026-Update brachte in Tests +13 Prozent Klickrate (CTR) und +16 Prozent Conversion-Rate (CVR).
- ARM (Adaptive Ranking Model): Fokussiert sich auf besonders wertvolle Nutzer mit langer Interaktionshistorie. Erste Testergebnisse: +5 Prozent CTR und +3 Prozent CVR.
Für die Praxis heißt das: Der Algorithmus denkt in Funneln und Sequenzen. Wer nur Bottom-of-Funnel Ads schaltet, gibt dem System zu wenig Material. Gefragt sind diverse Creatives für jede Funnel-Stage, von der ersten Aufmerksamkeit über das Abwägen bis zum Kauf. Ein letztes Detail zu Andromeda: Creatives, die sich psychologisch zu ähnlich sind, behandelt das System irgendwann wie ein einziges Ad.
Zusammengefasst: Wenn Sie Ihre Reichweite halten wollen, brauchen Sie echte Varianz im Creative.
Last-Click Attribution stirbt gerade
Das zweite große Thema der Konferenz war eine Abrechnung mit einer Messmethode, die die meisten Werbebudgets noch immer bestimmt.
Meta hat einen internen Test mit 7-Tage-Klickfenster durchgeführt. Das Ergebnis: Last-Click Attribution hat die tatsächlichen Conversions um 15 bis 17 Prozent unterberichtet. Rund ein Drittel des Marketing-Impacts war für Last-Click komplett unsichtbar. Und von den Conversions, die Incremental Attribution dem Marketing zuschrieb, waren 64 Prozent neue Kunden.
Last-Click gibt 100 Prozent des Credits der letzten Ad vor dem Kauf. Das ist fast immer eine Retargeting-Ad an Leute, die die Marke schon kennen. Die Awareness-Kampagne oder Creator-Ad, die jemanden überhaupt erst auf die Marke gebracht hat, geht leer aus. Incremental Attribution fragt stattdessen: Wäre die Person auch ohne die Ad zum Kauf gekommen? Das Ergebnis ist unbequemer, aber ehrlicher.
Aus der Diginauten-Praxis: Wir sehen das in der Beratungsarbeit mit Kunden regelmäßig. Die Kampagne schaut auf dem Dashboard gut aus, aber die Neukundengewinnung läuft nicht. Last-Click trägt dazu bei, weil es Retargeting strukturell bevorzugt.
Creator-Content gehört ins Performance-Budget
Das dritte Thema war Creator Marketing, und Meta war dort direkt: Creator-Content gehört ins Performance-Setup. Die Zahlen aus dem Summit:
- 76 Prozent der Gen Z sind offen dafür, von Creators über Marken zu hören
- Creator-Content auf Reels bedeutet laut Meta 50 Prozent höhere Kaufwahrscheinlichkeit
- Partnership Ads (Anzeigen direkt vom Creator-Account) brachten in integrierten Kampagnen +22 Prozent Conversion Rate und +71 Prozent Brand Lift
Creator werden zum Performance-Kanal. Diese Entwicklung zeichnet sich schon eine Weile ab, jetzt liefert Meta die Zahlen aus dem Algorithmus dazu.
KI-News der Woche
Anthropic hat OpenAI beim Umsatz überholt
Anthropic erzielt gerade eine annualisierte Jahresrate von fast 45 Milliarden Dollar und arbeitet bereits profitabel. OpenAI liegt bei rund 33 Milliarden Dollar. Eine Verschiebung, die vor sechs Monaten kaum jemand so vorhergesagt hätte. Gleichzeitig hat OpenAI am 22. Mai vertraulich seinen IPO-Antrag bei der SEC eingereicht, mit Goldman Sachs und Morgan Stanley als Lead-Underwriter. Zieldatum September 2026, Bewertungsziel über 1 Billion Dollar. Schwierig dabei ist die Bilanz: OpenAI verliert aktuell 1,22 Dollar für jeden eingenommenen Dollar.
Claude Mythos rückt näher
In Claude ist ein „claude-mythos-1-preview“ aufgetaucht. Das deutet darauf hin, dass Anthropics bisher geheimes Top-Modell direkt in Claude Code und Claude Security für Enterprise-Kunden einzieht. Die Test-Phase liefert erste Zahlen: 50 Partner, über 10.000 hochkritische Schwachstellen in Open-Source-Software gefunden, davon 2.000 allein bei Cloudflare.
Claude Design: Prototypen per Prompt
Anthropic hat am 17. April Claude Design gestartet: Prototypen, Decks und One-Pager aus Textprompts, powered by Claude Opus 4.7. Beim Onboarding liest das Tool den eigenen Code-Repo ein und baut daraus automatisch ein konsistentes Designsystem mit Farben, Fonts und Komponenten. Figmas Aktie fiel am Launch-Tag um 7 Prozent.
Uber warnt vor KI-Kosten
Ubers CTO hatte bereits im April gemeldet, dass der komplette Claude Code- und Cursor-Etat für 2026 in vier Monaten aufgebraucht war. COO Andrew Macdonald hat jetzt nachgelegt: 95 Prozent der Uber-Ingenieure nutzen KI-Tools täglich, 70 Prozent des committed Codes ist KI-generiert. Der direkte Zusammenhang zu besseren Produkten fehlt aber noch. Eine Debatte, die gerade erst beginnt und die nicht nur Uber betrifft.
Stanford-Studie: KI diskriminiert im Hiring-Prozess
Eine Stanford-Studie hat 4 Millionen Bewerbungen bei 156 Großunternehmen ausgewertet. Alle liefen durch denselben Anbieter, Pymetrics. Das Ergebnis: 26 Prozent der schwarzen und 15 Prozent der asiatischen Bewerber landeten in Jobs, wo der Algorithmus sie systematisch aussortiert hatte. Heikel wird das durch die Verbreitung: 42 Modelle werden quer über viele Arbeitgeber geteilt. Eine einzige Fehlkalibrierung zieht so breite Kreise durch viele Unternehmen.
AGI bis 2030
Demis Hassabis, Chef von Google DeepMind, hat am Rande von Google I/O ein Datum genannt: AGI bis 2030, plus/minus ein Jahr. AGI als KI, die menschliche Intelligenz in vielen Aufgaben flexibel nachbilden oder übertreffen kann. Noch fehlen laut Hassabis Durchbrüche in vier Bereichen:
- Verständnis der physischen Welt (World Physics)
- Verlässliches Gedächtnis (robustes Memory)
- Konsistenz
- Laufendes Dazulernen (Continual Learning)
Was sich auf den Plattformen gerade verändert
LinkedIn Video-Feed kommt nach Europa
LinkedIn rollt seinen TikTok-ähnlichen Video-Feed jetzt in UK, Kanada und Australien aus. Gut ein Jahr lang lief er nur in den USA. Nutzer verbringen laut LinkedIn doppelt so viel Zeit im Video-Tab, 60 Prozent länger pro einzelnem Video. LinkedIn empfiehlt dazu 2 bis 5 Posts pro Woche, davon 1 bis 2 Videos im Vertikalformat.
Unsere Einschätzung: Wenn Sie jetzt anfangen (bzw. im deutschen Markt schon einmal darauf vorbereiten), haben Sie noch einen Vorsprung. Der Massenandrang kommt, sobald das Format in ganz Europa ausgerollt ist. LinkedIn ist die meistzitierte B2B-Plattform, und 83 Prozent der Zitierungen sind klare Standpunkte. Video, das dasselbe leistet, hätte doppelten Nutzen: sofortige Sichtbarkeit im Feed und mittelfristiger Einfluss darauf, was KI-Systeme als Antwortquelle nutzen.
Meta baut einen Reddit-Klon: „Forum“
Am 22. Mai ist Metas neue App „Forum“ still und ohne Ankündigung im App Store erschienen. Die App dreht Facebook Groups in eine eigene Plattform um: chronologische Gruppen-Diskussionen, anonyme Nickname-Postings und ein KI-Feature namens „Ask“, das Fragen quer durch mehrere Communities beantwortet. Dieselbe Idee hatte Meta schon 2014. Die App wurde 2017 still eingestellt. Seither hat sich einiges verändert: Reddit ist explodiert, und Menschen suchen zunehmend nach echten menschlichen Antworten statt SEO-optimierter Artikellisten. Meta hat dabei einen Startvorteil: Facebook Groups liefern bereits Jahre an lokalen Community-Diskussionen. Das Netzwerk muss kein leeres System befüllen.
LinkedIn kämpft gegen KI-Slop, mit KI
LinkedIn hat angekündigt, den Algorithmus so anzupassen, dass erkennbar KI-generierter Content ohne eigene Perspektive weniger Reichweite bekommt. Es ist der erste folgenreiche Schritt einer großen Plattform gegen generischen KI-Content: Eine Algorithmus-Entscheidung hat direkte Konsequenzen für die Sichtbarkeit, ganz anders als ein Blogpost zum Thema.
DuckDuckGo-App-Downloads +33 Prozent
Googles massive KI-Offensive in den Suchergebnissen nach Google I/O treibt Nutzer zur Konkurrenz. DuckDuckGo-Downloads auf iPhones stiegen in den USA im Wochenvergleich um 33 Prozent. Vielen Usern gehen die KI-Ergebnisse in der Google-Suche offenbar zu weit.
Papst Leo XIV. hat 42.300 Wörter über KI geschrieben
Papst Leo XIV. hat mit „Magnifica Humanitas“ seine erste Enzyklika veröffentlicht, ein offizielles Lehrschreiben an alle 1,4 Milliarden Katholiken weltweit. Das Thema ist KI. Das Datum war mit Bedacht gewählt: der 15. Mai, 135 Jahre nach Rerum Novarum, der Sozialenzyklika der Industriellen Revolution. Leo warnt vor monopolistischer Kontrolle durch Big Tech, fordert KI-Abrüstung und schreibt explizit, dass keine tödliche Entscheidung je an einen Algorithmus delegiert werden darf.
Chris Olah, Co-Founder von Anthropic, stand dabei auf einer Bühne im Vatikan. Er hat öffentlich zugegeben, was man von Lab-Gründern selten hört:
„Jedes Frontier-AI-Lab, einschließlich Anthropic, arbeitet in einem Geflecht aus Anreizen, die manchmal mit ‚das Richtige tun‘ kollidieren. Kommerzieller Druck. Geopolitischer Druck.“ (Chris Olah, Co-Founder Anthropic, Vatikan, Mai 2026)
Verschiedene KI-Erkennungstools stufen laut The Verge fast die Hälfte des Enzyklika-Textes selbst als KI-generiert ein. Ein Lehrschreiben, das vor KI warnt, dürfte damit teilweise von KI geschrieben sein.
Praxis-Tipp: Videos mit Google Gemini Omni
Google hat einen offiziellen Prompt-Guide für Gemini Omni veröffentlicht, das neue Modell, das aus Text, Bildern und Audio Videos generiert. Drei Dinge aus dem Guide, die in Tests tatsächlich den größten Unterschied machen:
- Tipp 1 – Sprich wie ein Kameramann: Omni reagiert gut auf filmische Sprache. „Push in“, „dolly zoom“, „one continuous shot“, „natural smartphone zoom“, „grainy webcam style“. Das Modell hat Zehntausende echte Filmsets in seinen Trainingsdaten und versteht diese Sprache präziser als allgemeine Beschreibungen.
- Tipp 2 – Text direkt im Prompt mitgeben: Omni rendert Text mit Typografie, Position und Animation direkt ins Video. Für einfache Text-Overlays fällt der Umweg über externe Tools weg. Beispiel-Prompt: „Wort für Wort, ein Wort gleichzeitig auf dem Screen, jedes in einem anderen animierten Stil, im Takt zu Musik.“
- Tipp 3 – Iterativ editieren: Wenn nur eine Sache am Video nicht passt, nicht den gesamten Prompt neu schreiben. Nur das gezielte Update beschreiben: „Make the violin invisible.“ Omni behält die Grundstruktur und ändert nur das Benannte. Bei Video-Modellen ist das alles andere als selbstverständlich.
Extra-Tipp: Für alle, die sich Filmsprache nicht merken möchten: Den Google-Prompt-Guide als Wissensbasis in ein Claude-Projekt oder einen Custom GPT laden, das gewünschte Video beschreiben, und das Modell generiert den passenden Omni-Prompt.
Studie der Woche: Langzeit-Creator-Deals performen besser
Der „Brand Deals Report 2026“ von Influencer Marketing Factory und modash hat über 300.000 gesponserte Posts auf YouTube, TikTok und Instagram ausgewertet.
Das zentrale Ergebnis: Wiederkehrende Creator-Partnerschaften performen messbar besser als Einzelkooperationen. Trotzdem sind 63 Prozent aller Brand Deals noch immer One-Off-Deals, also einmalige Kooperationen.
- YouTube: 51 Prozent wiederkehrende Kooperationen, durchschnittliche Partnerschaftsdauer 13,5 Monate
- TikTok: 72 Prozent aller gesponserten Posts sind Einzeldeals
Unsere Einschätzung: Wenn Sie sich dazu entscheiden, einen passenden Creator über mehrere Deals zu begleiten, bauen Sie über die Zeit messbar mehr Vertrauen beim Publikum auf als mit einem gut budgetierten Einzelschuss. Die Praxis sieht oft anders aus: Wechselnde Budgets und Kampagnenziele machen langfristige Creator-Planung schwer. Wenn Sie hier Spielraum haben, sollten Sie ihn nutzen.
Unsere Meinung zur KW 22/2026
Was uns bei den Diginauten an dieser Woche auffällt: Auf fast allen Plattformen wird gerade dasselbe belohnt.
Inhalte mit eigener Perspektive und echter Haltung.
Metas Algorithmus bevorzugt Creatives mit Substanz und Varianz, LinkedIn drosselt erkennbaren KI-Content im Feed, und im Video-Tab kommen vor allem klare Standpunkte durch. Sogar eine päpstliche Enzyklika widmet der Frage 42.000 Wörter. Die Konsequenz für Marken ist überall die gleiche: Wer etwas zu sagen hat und das mit Konsequenz tut, wird sichtbarer. Das galt vor einem Jahr schon und gilt in KW 22/2026 umso mehr.





