OpenAI hat einen Paradigmenwechsel vollzogen, der die KI-Branche nachhaltig verändern könnte. ChatGPT wird künftig Werbeanzeigen schalten. Was CEO Sam Altman noch 2024 als eine „dystopische Idee“ und zudem auch noch als „letzten Ausweg“ bezeichnete, ist nun Realität geworden. Mit über 800 Millionen wöchentlichen Nutzern, aber nur fünf Prozent zahlender Kunden, steht OpenAI vor der Herausforderung, das kapitalintensive KI-Geschäft nachhaltig zu finanzieren. Für OpenAI dürfte dieser Schritt daher durchaus eine strategische Neuausrichtung sein. Es könnte aber auch die Art und Weise, wie wir mit KI-Systemen interagieren, verändern. Das ermöglicht zudem neue Perspektiven für Unternehmen, um ihre Kunden zu erreichen.
Die wichtigsten Fakten im Überblick
Wann geht es mit der Werbung bei ChatGPT los?
Die Werbeanzeigen werden zunächst testweise in den USA ausgerollt, voraussichtlich in den kommenden Wochen. Wann die Werbung in Deutschland und der EU ausgespielt wird, ist noch unklar. Es wird mit einer Verzögerung von mehreren Wochen oder Monaten gerechnet.
Wer sieht die Werbeanzeigen in ChatGPT?
Betroffen sind ausschließlich volljährige Nutzer (18+) der kostenlosen Version sowie des günstigen „ChatGPT Go“-Tarifs. Die höheren Abo-Modelle (ChatGPT Plus, Pro, Business und Enterprise) bleiben dauerhaft werbefrei (zumindest nach aktueller Ankündigung von OpenAI).
Wo wird die Werbung innerhalb ChatGPT platziert?
Werbung wird oberhalb und unterhalb der ChatGPT-Antworten angezeigt, jedoch nie innerhalb einer Antwort. Die Ads werden klar als solche gekennzeichnet.
Welche Art von Werbung sehen wir bei ChatGPT?
Es soll sich um kontextbezogene Werbung handeln. Die Anzeigen orientieren sich thematisch daher wohl am Prompt und der jeweiligen Antwort, ähnlich wie Native Advertising auf Plattformen wie Instagram oder Google. Sensible Bereiche wie Gesundheit und Politik sind von der Werbung ausgenommen. Finanzthemen können laut OpenAI allerdings beworben werden.
Welche Nutzerdaten erhalten Werbetreibende bei ChatGPT?
OpenAI garantiert, dass Nutzerdaten nicht an Werbetreibende verkauft werden und diese keinen Zugriff auf die Unterhaltungen erhalten. Nutzer können die Personalisierung der Werbung jederzeit deaktivieren. Mit einem Klick können Nutzer zudem erfahren, warum ihnen eine bestimmte Anzeige ausgespielt wurde.
Hat die Werbung bei ChatGPT Einfluss auf die Antworten?
OpenAI verspricht, dass die Werbung keinerlei Einfluss auf die Antworten selbst haben soll. Die Neutralität und Hilfsbereitschaft des Chatbots soll gewahrt bleiben.
Warum führt OpenAI Werbung bei ChatGPT ein?
Die Einführung von Werbung in ChatGPT ist mit Sicherheit kein Zufall, sondern eine direkte Reaktion auf massive finanzielle Herausforderungen. Trotz seiner enormen Popularität ist OpenAI noch nicht profitabel. Die Betriebskosten für moderne KI-Modelle wie GPT-5 sind astronomisch. Jeder einzelne Aufruf verursacht durch die Größe und Komplexität der Modelle hohe Inferenzkosten.
Mit rund 800 Millionen wöchentlichen Nutzern, von denen nur etwa fünf Prozent für ein Abo bezahlen, klafft eine gewaltige Finanzierungslücke. Das Unternehmen steht daher unter enormem Druck, angesichts prognostizierter Verluste in Milliardenhöhe neue Einnahmequellen zu erschließen. GPU-Farmen, Rechenzentren und die kontinuierliche Weiterentwicklung der Modelle verschlingen Unsummen. Dazu kommt, dass diese Infrastruktur nicht gerade auf Bäumen wächst.
Die Prognosen sind ziemlich ambitioniert. OpenAI rechnet für 2026 mit Werbeeinnahmen von bis zu einer Milliarde Dollar, langfristig bis 2029 sogar mit bis zu 25 Milliarden Dollar. OpenAI misst diesem neuen Geschäftsfeld offenbar daher eine große strategische Bedeutung bei.
Die Werberichtlinien bei ChatGPT
OpenAI hat erste Werberichtlinien veröffentlicht, die aktuell fünf schlanke, aber wichtige Punkte umfassen:
- Answer Independence – Unabhängigkeit der Antworten: Die Antworten von ChatGPT sollen vollständig werbeunabhängig bleiben. Das bedeutet: Kein Werbetreibender kann durch Zahlung beeinflussen, was ChatGPT antwortet oder empfiehlt. Diese Trennung ist essenziell für das Vertrauen der Nutzer.
- Conversation Privacy – Privatsphäre der Unterhaltungen: OpenAI verspricht, keine Gesprächsdaten an Dritte weiterzugeben oder zu verkaufen. Werbetreibende erhalten keinen Zugriff auf die persönlichen Konversationen der Nutzer.
- Choice and Control – Wahlfreiheit und Kontrolle: Nutzer haben die Möglichkeit, die Personalisierung von Werbung optional zu halten und jederzeit abzuschalten.
- Long-term Value – Langfristiger Wert vor kurzfristiger Verweildauer: OpenAI betont, dass Vertrauen wichtiger ist als maximale Verweildauer und kurzfristiger Umsatz. Damit möchte sich das Unternehmen bewusst zwischen dem klassischen Social-Media-Modell abgrenzen.
- Clear Separation – Klare Trennung: Werbung wird visuell eindeutig von den organischen Antworten getrennt und als solche gekennzeichnet.
Für eine gute Werbe-Performance müssen normalerweise enorme Mengen an Nutzerdaten gesammelt und ausgewertet werden. Dies steht im direkten Widerspruch zu OpenAIs Datenschutz-Versprechen. Die Frage ist: Wie effektiv kann kontextuelle Werbung ohne umfangreiches User-Tracking sein?
Welche Möglichkeiten eröffnen sich für Unternehmen?
Die Einführung von Werbung in ChatGPT ist weit mehr als nur ein neuer Werbekanal. Sie verändert die Art und Weise, wie wir Menschen Kaufentscheidungen treffen.
Die traditionelle Customer Journey beginnt nicht mehr mit Keywords in Suchmaschinen, sondern mit Fragen in KI-Systemen. Produktsuche, Markenrecherche und Anbieterwahl verlagern sich daher immer weiter in conversational AI-Umgebungen. Wer als Unternehmen in diesen Gesprächen nicht stattfindet, wird in Zukunft schlichtweg nicht (mehr) wahrgenommen.
Im klassischen Performance-Marketing entscheidet oft der Klickpreis über die Sichtbarkeit. In KI-Umgebungen werden hingegen Relevanz, Kontext und tatsächliche Problemlösung wichtiger sein. Marken müssen daher lernen, in natürlichen Konversationen präsent zu sein und echten Mehrwert zu bieten. Es werden in ChatGPT nicht einfach störende Banner oder aggressive Pop-ups eingeblendet. Es geht stattdessen um relevante Empfehlungen im richtigen Moment. Durch KI-Interfaces sind ganz neue Werbeformate möglich, die sich am Dialog orientieren und kontextuell angepasst sind.
Die Lernkurve ist sehr steil, aber wer jetzt schon experimentiert und vor allem früh einsteigt, positioniert sich für die Zukunft. Das bedeutet auch einen strategischen Wettbewerbsvorteil. Passende Unterstützung in strategischer sowie textlicher Form bieten Ihnen die Diginauten. Melden Sie sich gerne bei uns.
Worauf wird OpenAI die ChatGPT-Werbung optimieren?
Einer der spannendsten Aspekte der Diskussion ist die Frage nach der Zielgröße, auf die ChatGPT optimiert wird. Hier prallen zwei grundverschiedene Philosophien aufeinander.
Das Watchtime-Modell: KI als Entertainer
In einem werbebasierten Geschäftsmodell steigt der Umsatz typischerweise mit der Verweildauer. Je länger Nutzer auf einer Plattform bleiben, desto mehr Werbung kann ausgespielt werden. Dies könnte dazu führen, dass ChatGPT bewusst oder unbewusst zu einem „Watchtime-Optimierer“ wird:
- mehr Anschlussfragen provozieren
- elegante Nebenpfade und Schleifen einbauen
- Antworten mit Cliffhangern versehen
- nie ganz „fertig“ sein, immer nur „fast“
- lange Begleitung statt schnellem Ankommen
Das Risiko: Selbst die höflichste KI könnte zum charmanten Conferencier werden, der Gespräche in die Länge zieht, statt effizient zum Ziel zu führen.
Das Outcome-Modell: KI als Ingenieurin
Die Alternative ist eine KI, die auf „Time to Value“ optimiert ist:
- die kürzeste brauchbare Antwort geben
- Ecken und Kanten in Kauf nehmen
- präzise, knapp, fertig
- Optimierung auf Ergebnis, nicht auf Bildschirmzeit
Diese Philosophie steht im direkten Widerspruch zum Werbemodell, das von längerer Interaktion profitiert.
OpenAI ist nicht die erste KI-Firma mit Werbung
Perplexity hat im vergangenen Jahr einen ähnlichen Versuch unternommen. Dieser gilt jedoch weitgehend als gescheitert. Bislang konnte keine KI-Firma beweisen, dass Werbung in KI-Antworten zu relevanten Erlösströmen führen kann. OpenAI steht daher unter ziemlichem Druck, dies zu ändern. Die Frage ist nicht nur, ob Werbung funktioniert, sondern ob die Einnahmen in einem gesunden Verhältnis zu den zugesagten Ausgaben für Rechenzentren und Infrastruktur stehen.
Zugang vs. Kommerzialisierung
Ein häufig übersehener Aspekt der Debatte ist die Frage nach Gerechtigkeit und Zugang. KI-Training kostet Milliarden, der Betrieb der Rechenzentren ebenso und jemand muss das bezahlen.
Die Realität ist aber, dass es kein kostenloses Mittagessen gibt. Entweder zahlen Nutzer mit Geld (Abonnements) oder mit ihrer Aufmerksamkeit (Werbung). Aus dieser Perspektive ist Werbung die demokratischere Option, weil sie fortgeschrittene KI-Modelle auch für Menschen zugänglich macht, die sich kein 22-Euro-Abo leisten können oder wollen.
Wenn die einzige Alternative wäre, dass nur zahlende Nutzer Zugang zu GPT-5-Level-Modellen erhalten, während der Rest auf veraltete Versionen zurückgreifen muss, dann ist Werbung tatsächlich die fairere Option.
Was kommt nach der ChatGPT-Werbung?
Die Einführung von Werbung bei ChatGPT ist erst der Anfang. Mehrere Entwicklungen sind in den kommenden Monaten zu erwarten. OpenAI wird die Werbung sukzessive optimieren und an das Nutzerverhalten anpassen. Die ersten Tests in den USA sind bewusst vorsichtig angelegt. Es ist davon auszugehen, dass die Werbeintegration bei positiver Performance ausgebaut wird. Der Rollout in der EU wird vermutlich mit Verzögerung erfolgen, auch aufgrund strengerer Datenschutzregulierungen. Der europäische Markt wird aber für OpenAI zu wichtig sein, um ihn auszulassen.
Die aktuellen Anzeigen sind zudem mit Sicherheit erst der Anfang. Es ist wahrscheinlich, dass OpenAI mit zunehmender Erfahrung neue, nativere Werbeformate entwickelt, die noch stärker in den Dialog integriert sind.
Wie Anthropic, Google, xAI und andere auf OpenAIs Schritt reagieren, wird den Markt nachhaltig prägen. Für Nutzer könnte ein Wettbewerb um die werbefreiesten oder transparentesten Angebote positiv sein.
Nutzer müssen entscheiden, ob sie für ein werbefreies Erlebnis zahlen wollen oder bereit sind, Werbung zu akzeptieren. Unternehmen müssen lernen, in Gesprächen stattzufinden, nicht nur in Suchergebnissen.






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